Sarrazin und die Gebetsräume

Von Malte Lehming - Der Tagesspiegel

Was Sarrazin und Buschkowsky sagen, was dänische Karikaturisten zeichnen oder in einer Oper in Berlin zur Aufführung kommen soll, all das gehört zur Diskussionskultur einer kritischen Öffentlichkeit. Doch es gilt ebenso ein weiteres Grundrecht

Solche Schlagzeilen lassen den Erregungspegel zuverlässig nach oben schnellen: „Thilo Sarrazin kritisiert misslungene Integration“ oder „muslimischer Gebetsraum in öffentlicher Schule“ oder „Heinz Buschkowsky hält Multikulti für gescheitert“ oder „Deutsche Türken wollen türkisch bleiben“. Grob vereinfachend stehen sich im darauf folgenden Streit zwei Lager gegenüber. Das Pro-Sarrazin-anti-Gebetsraum-Lager behauptet, der Islam sei eine rückständige, emanzipationsfeindliche und latent gewalttätige Religion, die den Westen unterwandern und dessen Werte verdrängen will. Das Pro-Gebetsraum-anti-Sarrazin-Lager sieht in Europa eine volksverhetzende Islamophobie auf dem Vormarsch, die an dunkle Zeiten der deutschen Geschichte erinnert und Ausländerfeindschaft schürt. Beide Lager berufen sich auf ein Menschenrecht: die Sarrazinis auf die Meinungsfreiheit, die Gebetsräumis auf die Religionsfreiheit.

Aber die Freiheit als solche, als Wert errungen in Revolutionen und Kriegen und bezahlt mit dem Blut von Tausenden, ist beiden Lagern nur Mittel zum Zweck. Die Verfechter der Meinungsfreiheit negieren die Religionsfreiheit – und andersherum. Dabei sollte unstrittig sein: Was Sarrazin und Buschkowsky sagen, was dänische Karikaturisten zeichnen oder in einer Oper in Berlin zur Aufführung kommen soll, all das gehört zur Diskussionskultur einer kritischen Öffentlichkeit. Das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung, in Frankreich als eines der „vornehmsten Rechte des Menschen“ bezeichnet, muss verteidigt werden. In Deutschland gegen Sarrazin zu protestieren wie in Kairo gegen die Mohammed-Karikaturen, zeugt von einer ähnlich verblendenden Ideologie.

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8 Antworten zu „Sarrazin und die Gebetsräume“

  1. ostfriese Sagt:

    Danke, Nanomyte, für diese schöne Idee und schlichte Wahrheit: Wir brauchen gar keine Religionsfreiheit als Extrarecht!

    Diejenigen Aspekte der Religion, die nicht von Meinungs-, Versammlungs- und Kunstfreiheit abgedeckt werden, sind schließlich in keinster Weise schützenswert: Unkritisierbare Behauptungen, heilige Überzeugungen und ewig gültige Dogmen gehören vielmehr schnellstmöglich hinterfragt, der Lächerlichkeit preisgegeben und entsorgt.

    In genau diesem Sinne werde ich von heute an wider die Religionsfreiheit streiten! Man darf sie gerade denjenigen, die darauf angewiesen sind (weil für ihre Überzeugungen nur Machtinstrumente, nicht aber Argumente sprechen), nie und nimmer mehr zugestehen.

  2. Nanomyte Sagt:

    “Volksverhetzund steht ausserhalb dieser Grenzen. Sarrazins Aeusserungen kam mindestens so nahe daran heran, dass viele sie dafuer hielten, auch wenn das juristisch jetzt anders entschieden worden ist.”

    Ich würde gerne mal wissen welches Volk hier von Thilos Sarrazin verhetzt wurde.
    Seinen Artikel musste man schon mit der Geduld eines Literatur oder Wirtschaftsintellektuellen lesen um bis zu den berühmten “Kopftuchmädchen” vor zu stoßen, kein ausländerfeindlichem Berufsdummkopf oder Stammtischschwätzer hätte solch ein Durchhaltevermögen bewiesen.
    Ausschließlich die Scharr von Berufsentrüsteten in ihren Wolkenkuckucksheimen.
    Und genau das haben sie auch erkannt: “…dass viele sie dafür hielten (…)”

    Auf Spinner, die ihre Ersatzutopie huldigen sollte man keine Rücksicht mehr nehmen.

    Ein moderner aufgeklärter Mensch lässt sich überhaupt nicht von irgendwelcher Propaganda, egal aus welchem Spektrum sie kommt, manipulieren.
    Er denkt ausschließlich selbst und orientiert sich ausnahmlos an den vorliegenden Fakten und ohne sie dabei durch eine Wunschvorstellung zu verdrehen oder gar zu leugnen.

    Hierbei kann man mal anmerken, dass z.Bsp. der Leugnungsuntersagungsparagraf des Holocaust garnicht primär dazu dient das Volk zu schützen, sondern schafft den jeweiligen rechtextremen Elementen die Möglichkeit sich zu Märtyrern zu stilisieren.
    Hier wird überall wieder der Kontrollwahn von staatlicher Seite sichtbar, denen nicht nur Politiker aus dem rechten Lager, sondern vorallem auch Linksextremisten auf den Leim gehen oder diesen bewusst fokussieren.

  3. YeRainbow Sagt:

    Mich nerven diese ganzen REklame-Versuche nur noch.
    Ganz gleich, ob mich jemand durch Reden oder Tun zur Religion überzeugen will oder nur seinen Wasserfilter unter die Leute bringen.

    Unter meinungsfreiheit (eingeschlossen Religionsfreiheit) verstehe ich vor allem, daß ich mich auch fernhalten darf von fremden (vor allem mir unsinnigen) Meinungen.

    Daher, was einer privat für Zinnober veranstaltet – seine Sache.

    Aber immer da, wo ich zugucken soll, nervts mich. Und das RL ist nun mal kein TV, das ich einfach abstellen kann.

    Also, liebe Religiöse, liebe Wasserfilter-Verkäufer: ich nehme mein REcht auf Freiheit VON REligion und Wasserfiltern.

    Geht nach Hause, machts dort.
    Mir recht.

  4. exmoonie Sagt:

    In der Süddeutschen Zeitung vom 21.11.09 findet sich ein interessanter Artikel zu diesem Thema auf Seite 3. Ich persönlich begrüße die Aktivitäten von Herrn Buschkowsky. Auch würde ich mir wünschen, dass man den oben genannten Artikel liest, bevor man mir in weiteren Kommentaren möglicherweise Fremdenfeindlichkeit unterstellt.

    Exmoonie

  5. hirnfall Sagt:

    In Deutschland gegen Sarrazin zu protestieren wie in Kairo gegen die Mohammed-Karikaturen, zeugt von einer ähnlich verblendenden Ideologie.

    ???

    Wurden Deutschland dänische und norwegische Fahnen verbrannt? Nein. Gegen die Äußerungen eines Sarrazins zu demonstrieren ist nicht Ausdruck einer verblendenden Ideologie, sondern einfach nur Ausdruck der Tatsache, sich angegriffen zu fühlen.

  6. Sepp Aigner Sagt:

    Die Meinungsfreiheit hat gesetzlich definierte Grenzen. Volksverhetzund steht ausserhalb dieser Grenzen. Sarrazins Aeusserungen kam mindestens so nahe daran heran, dass viele sie dafuer hielten, auch wenn das juristisch jetzt anders entschieden worden ist.

    Das ist die rechtliche Seite. Aber wenn in diesem Text davon die Rede ist, gegen Sarrazin ZU PROTESTIEREN, also vom Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, zeuge von “verblendeter Ideologie”, ist das fuer eine Publikation mit demokratischem Anspruch eine Schande. Fremdenfeindliche Aeusserungen, die, genau berechnet, die “Diskussionskultur” wieder ein Stueck weiter nach rechts bewegt haben, zu kritisieren und dagegen zu protestieren ist … “verblendete Ideologie” ?! Schaemen Sie sich !

  7. Nanomyte Sagt:

    Die Zeit des speziellen religiösen Artenschutzes muss vorrüber gehen.

    Was ist Theologie anderes als Sprachkunst?
    Religiöse Bekenntnis operiert mit Kunstbegriffen, denn was sind nicht klar definierte Begriffe wie “Gott”, “Ursprung”, “Allmacht”, “Offenbarung” anderes als Kunstwörter, die jeder Gläubige mit den für sich passenden Emotionen belegt?

    Ich plädiere dafür Religion als Kunstform zu definieren.

    Die Bibel, der Koran und das Evangelium des rosa Einhorns sind Schriftwerke mit mehr oder minder künstlerischen Inhalten (darüber hinaus mit politischen Botschaften, die man mal aus der Sparte außen vor lässt)

    Moscheen, Kirchen und Tempel sind architektonische Kunstwerke

    Und all dies wird durch die FREIHEIT DER KUNST geschützt.

    Gemeindetreffen, Versammlungen und Gottesdienste haben keinen eigenen Schutz sondern fallen unter die VERSAMMLUNGSFREIHEIT.

    Der Glaube an Gott, Jesus, dass man beim nächsten Fußballspiel bestimmt gewinnt, dass man eine Schlange als Seelenpartner hat oder dass man schon irgendwann 6 Richtige im Lotto hat fällt unter die MEINUNGSFREIHEIT.

    Kunstfreiheit, Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit deckt alle Grundrechte eines religiösen Menschen ab, die Religionsfreiheit ist ein historisches Überbleibsel aus einer Zeit, in dem Sinnstiftungsinstitutionen zusätzlichen Schutz genossen.

    Ich sehe die Debatte Meinungsfreiheit vs. Religionsfreiheit 1:1 identisch mit:
    Sollte man Kreationismus und ET im Biologieunterricht lehren für “mehr Demokratie.” – NEIN sag ich.

    Und genauso wie man einst die “Kirche des fliegenden Spaghettimonsters” gegründet hat um den Schwachsinn des Intelligent Desings zu offenbaren, so sollte man eine “Kirche der Islamophobie” gründen und sich auf eben jene absurde Religionsfreiheit berufen mit einem Heiligen Text in dem Gott den Rechtsgläubigen “geoffenbart” hat, dass man sich 7x täglich an eine Karikatur versuchen solle.
    Man kann das Evangelium an den Koran anlehnen, am besten alle Stellen in denen es um die Ermordung der Kafir geht und diese satirisch umformen.

  8. tischl Sagt:

    “…Wir brauchen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit, Sarrazin und Gebetsräume, Buschkowsky und Moscheebauten…”

    Mag sein! Was wir aber sicher nicht brauchen sind derartige Artikel. Intellektuelles Toleranz-Gedöns ohne eine einzige klare Aussage, ein dezidiertes “Sowohl-als-auch” um nur ja keine Abonnenten zu vergraulen. Das Ganze nennt sich dann auch noch Kommentar. Jämmerlich.


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