Von der Kooperation in der Biologie

Quelle:Naturkundemuseum Berlin

Charles Darwin: Seine Evolutionslehre wurde - vor allem von deutschen medizinischen Ideologen - zum "Darwinismus" verfälscht, mit furchtbaren Folgen Quelle:Naturkundemuseum Berlin

Der deutsche Forscher, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer hat mit Sachbüchern neurobiologische Erkenntnisse verständlich dargestellt

derstandard.at

Mit Hans Rauscher sprach er über deren Umsetzung, etwa bei Jugendgewalt.

STANDARD: Ihr letztes Buch, “Das kooperative Gen”, hat eine Kontroverse ausgelöst. Man hat Ihnen vorgeworfen, die Erkenntnisse Darwins zu ignorieren und ein nicht beweisbares Gen zu erfinden, das uns zur Kooperation zwingt.

Bauer: Über Charles Darwins Erkenntnis der Evolution zu diskutieren ist völliger Unsinn. Sie ist einen Tatsache, absolut keine Theorie mehr. Mein Buch ist ja eine große Hommage an den großen Darwin.

STANDARD: Wogegen Sie sich wenden, ist primitiver Darwinismus – wie der Hitlers, wonach das Leben ein ewiger, unbarmherziger Kampf sei.

Bauer: Genau. Die meisten Menschen, vor allem aber auch meine biologischen Kollegen, wissen aufgrund fehlender historischer Erkenntnisse nicht den Unterschied zwischen Darwin und der Evolutionstheorie und Darwinismus. Darwinismus tauchte in den Gedanken des deutschen Theologen und Mediziners Ernst Haeckel auf, der Darwins Gedanken im deutschsprachigen Raum bekanntmachte. Er versuchte aber, daraus eine Weltanschauung zu machen, war auch Mitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene. Er wollte aus Darwin eine neue Moral konstruieren, die die alte christlich-jüdische ersetzen sollte: die humanistische Moral sei Gefühlsduselei, weil sie der Selektion entgegenwirkt.

STANDARD: Der Darwinismus steckt uns aber immer noch in den Knochen.

Bauer: Die Analyse der letzten acht Jahre hat die phänomenale Erkenntnis gebracht: Ein Großteil unseres Erbguts besteht aus genetischen Werkzeugen, die vom Organismus aktiviert werden können. Diese Werkzeuge, sie heißen Transposons, sind in der Lage zu duplizieren. Wenn eine Zelle in eine schwere existenzielle Bedrohung kommt, dann hebt sie die Hemmung dieser Transposons auf und fängt an, ihr eigenes Erbgut umzubauen, in der Hoffnung, dass sie durch eine Neuorganisation eine Variation schafft, mit der sie der Bedrohung entkommt. In den Organismen steckt ein kreatives Potenzial, in dem Sinn, dass immer wieder neu arrangiert und kombiniert wird, was zusammenpasst. Das ist ein großes kooperatives Geschehen.

Das Konzept von Richard Dawkins, Gene seien Egoisten, die miteinander kämpfen, ist die Übertragung der Ideen des Frühkapitalismus. Aber im Kern der Biologie steht die Kooperation und Kommunikation, und das ist die Botschaft meines Buches. Ich stehe dabei voll auf dem Boden der Wissenschaft, ich präsentiere wissenschaftliche Erkenntnisse.

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7 Antworten zu „Von der Kooperation in der Biologie“

  1. tischl Sagt:

    Die Frage, ob es auf der genetischen Ebene, d.h. auf der Ebene der Proteine und Moleküle richtig ist von Strategien wie Egoismus oder Kooperation zu sprechen, ist äußerst zweifelhaft. Da diese Begriffe globale Zielsetzungen beinhalten, die erst auf der Stufe einer selbstbestimmt handelnden Person wirklich Sinn machen.

    Zur Begründung, weshalb es Ziele in der Evolution eigentlich gar nicht geben kann, passt sehr gut ein Absatz aus dem neuen Buch des Philosophen und Bewusstseinsforschers Thomas Metzinger:

    “..(..)..Folgt man den rein physikalischen Grundannahmen der Naturwissenschaft, dann besitzt nichts im Universum einen ihm innewohnenden Wert, und nichts ein Ziel an sich. Physikalische Gegenstände und Vorgänge sind alles, was es gibt. Das scheint die eigentliche Pointe eines strengen reduktionistischen Ansatzes zu sein – und auch genau das, was Wesen mit Selbstmodellen wie den unseren einfach nicht glauben können. Natürlich kann es in den Gehirnen biologischer Organismen Ziel-Repräsentationen geben, aber am Ende – wenn man die Hirnforschung ihre eigenen Grundannahmen erst nimmt – beziehen sie sich auf nichts. Überleben, Fitness, Wohlbefinden und Sicherheit als solches sind weder Werte noch Ziele im eigentlichen Sinne.

    Offensichtlich überlebten auf lange Sicht nur solche Organismen, die sie innerlich als Ziele darstellten und auch so erlebten. Aber die weitverbreitete Neigung, ganz entspannt und naiv-realistisch über die “Ziele” eines Organismus oder eines Gehirns zu sprechen, lässt Hirnforscher übersehen, wie stark ihre eigenen Grundannahmen in Wirklichkeit sind. Wir können nun langsam erkennen, warum mitunter sogar nüchterne Naturwissenschaftler unterschätzen, wie radikal eine naturalistische Kombination aus Neurowissenschaft und Evolutionstheorie sein könnte: Sie könnte uns nämlich in Wesen verwandeln, die ihre Gesamtfitness dadurch maximierten, dass sie begonnen haben Ziele zu halluzinieren..(..)..” (Seite 193)

    Thomas Metzinger: Der Egotunnel – Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
    Rezension des humanistischen Pressedienstes: http://hpd.de/node/7822

    Das Buch ist ein absolutes Muss für jeden der sich für Neurobiologie, Bewusstsein, Philosophie, Evolution, Erkenntnistheorie etc. interessiert. Es ist teilweise auch für einen nicht-religiösen Menschen ziemlich gruselig und trostlos, wenn Metzinger den freien Willen, die unsterbliche Seele oder das Ego lediglich als Teile des konstruierten Selbstmodells des Gehirns entlarvt.

    Selbst die Buddhisten können sich ihre “Ego-Illusion” abschminken, weil es da niemanden gibt, der diese Illusion haben könnte. Ein populärwissenschaftliches Werk im besten Sinne.

  2. theologie-der-vernunft.de Sagt:

    Kämpfen oder kooperieren Gene? Sind sie egoistisch oder altruistisch? Sind das nicht völlig menschlich vorbelastete Begriffe, die sich nicht auf Gene übertragen lassen und damit nur jeweils gegenseitig in die menschliche Irre, zu Ideologien führen?

    Eines bin ich gewiss: Wenn Gene nicht auf ihre Art kreativ wären, wäre ich nicht, wer ich bin. Danke dafür, dass auch Gene, wie der gesamte Kosmos im kreativen (schöpferischen) Sinne vernünftig sind.

    Oder seh ich das falsch?

  3. Andreas A. Sagt:

    “…Gene seien Egoisten, die miteinander kämpfen, ist die Übertragung der Ideen des Frühkapitalismus. Aber im Kern der Biologie steht die Kooperation und Kommunikation,…”

    AHHHHHH

    Ich bin jetzt kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber als Leser des “egoistischen Gens” von Dawkins kann ich nur sagen:

    AHHHHHHH

    Dawkins erklärt anhand des “egoistischen” Gens, dass Kooperation zwangsläufig entsteht und zwar genau dann, wenn dies für das einzelne Individuum (und damit für dessen Gen(e)) von Vorteil ist.

    Ideen des Frühkapitalismus kann ich da keine erkennen!

  4. nickpol Sagt:

    Zu Joachim Bauer gibt es noch mehr hier auf dem Blog:

    1. Können Gene kooperieren? von Prof. A. Meyer
    2. Dogmatische Evolutionswächter, von J. Bauer
    3. Dummes Zeug über Darwin. Von Prof. A. Meyer
    4. Sind Gene egoitisch. Interview mit Bauer und Fischbach.
    5. Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Eine Rezension
  5. tischl Sagt:

    “…psychosomatisch angehauchte Bücher im „Brigitte-Psychologie“ Stil und Niveau…”

    “…Herr Bauer würde in meiner Klausur in Evolutionsbiologie jedenfalls sicherlich durchfallen, denn mit Wissenschaft hat das alles herzlich wenig zu tun…”

    Joachim Bauer kommt nicht überall so überzeugend an, hier zum Beispiel eine Rezension des Evolutionsbiologen Axel Meyer über Bauers Buch “Das kooperative Gen”:

    Nonstop Nonsens

  6. Spyder Sagt:

    Schon wieder dieser Quatsch. Dawkins behauptet doch gar nicht, dass Gene Egoisten sind, die miteinander kämpfen. Ein ganzes Kapítel im “selfish gene” ist der Kooperation gewidmet. Bauer ignoriert das natürlich, sonst hätte er nichts an dem er sich reiben könnte.
    Seine andere These, dass in Wirbeltieren Transposons gezielt angeschaltet werden, davon hab ich noch nie was gehört. Woher soll denn das Individuum wissen, dass es Zeit ist zu mutieren? Oder haben Tsunami-Überlebende höhere Krebsraten?

  7. brightsblog (brightsblog) 's status on Wednesday, 07-Oct-09 08:13:26 UTC - Identi.ca Sagt:

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