Alles oder Nichts!

Thomas Schirrmacher, Quelle: zukunft-ch.ch

Thomas Schirrmacher, Quelle: zukunft-ch.ch

Theologe und Ethiker Thomas Schirrmacher über Religionsfreiheit und die aktuellen Herausforderungen für Christen. Er plädiert für ein Leben in der Hingabe und ein beherztes Engagement.

factum online

factum: Im Gegensatz zu vielen Ländern in der Welt herrscht in Europa Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit. Aber Christen weht heute doch ein schärferer Wind entgegen als noch vor einigen Jahren. Was hat sich verändert?

Schirrmacher: Die moralische Gesamtausrichtung der Gesellschaft. Früher stand in Europa eher Religion an sich im Mittelpunkt der Kritik – in den kommunistischen Ländern sowieso. Aber es gab einen moralischen Grundkonsens, zumindest, was gewisse Ideale anbetraf – etwa, dass es eine gute Sache ist, wenn zwei verheiratete, biologische Eltern ihre Enkelkinder auf dem Arm halten. Heute geht es nur noch gegen die angeblich «fundamentalistischen» Zweige der Religion, die an ethischen Positionen von früher festhalten. Die Gesellschaft propagiert und praktiziert wechselnde sexuelle Partnerschaften aller Art, da muss natürlich jeder auffallen, der bis zur Ehe wartet und eheliche Treue gut findet.

Dazu kommt: Früher wurde man deswegen belächelt, heute kann man durch das Festhalten an ethischen Standards in das Räderwerk der Politik oder des Rechts geraten. Wir haben es also mit einer Art Verfolgung der klassischen christlichen Ethik zu tun, die versucht, die Politik zu Hilfe zu nehmen.

actum: In den Medien häufen sich Sendungen, die sich sehr kritisch, zum Teil diffamierend und mit unwahren Behauptungen, mit Christen befassen. Ein im NDR gesendeter Beitrag bezichtigte so genannte evangelikale Christen der Gewaltbereitschaft, sie würden zum Mord aufrufen. In einem Buch («Mission Gottesreich»), das einige Beachtung findet, werden Christen völlig verzerrt dargestellt. Was sind Ihre Beobachtungen, wie bewerten Sie das?

Schirrmacher: Zunächst einmal darf man ja nicht so tun, als wären überzeugte Christen bisher die Lieblinge in unseren Ländern gewesen, die jetzt plötzlich angegriffen werden. In meiner Schulklasse in einem konservativen Traditionsgymnasium war ich, in den 1970er-Jahren, mit meinem Glauben ein Aussenseiter. Medienberichte über die Frommen waren immer schon mehr negativ als positiv. Aber: Heute kommen Evangelikale auch selbst viel häufiger in den Medien vor. Ihre Gottesdienste werden im staatlichen Fernsehen gesendet, sie sind häufige Diskussionsteilnehmer, ihre Bücher verkaufen sich auf dem säkularen Markt wie nie zuvor.

weiterlesen

7 Antworten zu „Alles oder Nichts!“

  1. Andreas A. Sagt:

    Zitat: ”… angesichts der enormen Veränderungen unserer Gesellschaften, überwiegend zum Negativen hin..”

    Genau, da hat er Recht!
    Haben wir doch zum ersten mal seit tausend Jahren die echte Chance uns als reliogionsfrei zu outen und auch zu leben. Noch nie gab es so viele Atheisten wie heute!

    Und noch nie hatte Europa eine so lange Periode ohne Krieg.
    Noch nie ging es der europäischen Bevölkerung besser als in den letzten 60 Jahren.
    Ich möchte mal wissen, wie man da davon sprechen kann, dass sich alles zum negativen hin bewegt!

    Religiöse (Eiferer) müssen darauf Hinweisen, dass alles immer schlechter wird um ihrer Existenzgrundlage zu sichern. Und nur Dank der Gehirnwäsche der Religion fällt keinem auf, dass dies gar nicht stimmt!

  2. Harald Sagt:

    @Yeti
    Definiert nicht auch Ethik jeder für sich selbst? Wo siehst Du da die Unterschiede zwischen Ethik und Moral?

  3. Harald Sagt:

    @ Lutz

    Das meinst du doch nicht im Ernst, oder? Das Buch ist sowas von einseitig negativ, wie ich es fast noch nie gelesen habe. Das fängt schon beim Titelbild an. Es werden ein paar Extreme zitiert und die dann auf alle Evangelikalen umgemünzt.

    Von Anfang an ist klar, auf was die Autoren hinaus wollen. Die versuchen nicht mal, sich auch nur den Anschein von Objektivität zu geben.

    Es wird das Gefühl vermittelt, als ob von den Evangelikalen eine riesige Gefahr ausgehe – aber es wird nirgends klar, was eigentlich so gefährlich ist.

    Mein Gefühl, nachdem ich das gelesen hatte: Die Autoren haben irgendwann mal schlechte Erfarungen mit Evangelikalen gemacht und dieses Buch soll die Abrechnung sein. Meinungsmache pur.

  4. Yeti Sagt:

    Ich frage mich gerade, wie dieser Theologe auf die Idee kommt, Sexualmoral, speziell hedonistische, hätte auch nur _irgendwas_ mit Ethik zu tun. Der kann von mir aus von Moral reden solange er will, die definiert sich eh jeder selbst, aber er soll bitte nicht behaupten, es drehe sich um Ethik.

  5. Lutz Horn Sagt:

    “In einem Buch («Mission Gottesreich»), das einige Beachtung findet, werden Christen völlig verzerrt dargestellt.”

    Nach der Lektüre dieses Buchs kann ich diese Wertung nur für völligen Unsinn halten. Ich habe selten ein so sauber strukturiertes und belegtes Buch gelesen. Die Autoren enthalten sich bis zum letzten Kapitel jeden persönlichen Kommentars sondern berichten ausschließlich auf journalistisch hervorragende Art. Dass im Ergebnis eine Warnung steht, folgt notwendig aus dem dargelegten Material.

  6. RockTillDeath Sagt:

    “Ein im NDR gesendeter Beitrag bezichtigte so genannte evangelikale Christen der Gewaltbereitschaft, sie würden zum Mord aufrufen.”

    Na hier war aber der Wunsch der Vater des Gedankens.

  7. brightsblog (brightsblog) 's status on Friday, 02-Oct-09 07:04:46 UTC - Identi.ca Sagt:

    [...] Alles oder Nichts! « Brights – Die Natur des Zweifels a few seconds ago from web [...]


Einen Kommentar hinterlassen