Information, Gegeninformation – Desinformation

This Nov. 10, 1995 file photo shows New York Times reporter David Rohde at Bostons Logan Airport, Charles Krupa / Associated Press

This Nov. 10, 1995 file photo shows New York Times reporter David Rohde at Boston's Logan Airport, Charles Krupa / Associated Press

Wikipedia als Neocon

Von Peter Mühlbauer – TP

Im Fall der Entführung eines Journalisten wurde die Öffentlichkeit bewusst belogen

Der Ideologie der Neocons nach ist es notwendig, die Öffentlichkeit zu ihrem eigenen Besten zu belügen. Nun wurde bekannt, dass sich im Fall der Berichterstattung um einen entführten Journalisten auch die Wikipedia-Führung um James Wales dieser Vorstellung beugte.

Im November letzten Jahres wurde der damals in Afghanistan tätige Journalist David Rohde zusammen mit seinem Fahrer und einem Dolmetscher das Opfer einer Entführung. Um mögliche Lösegeldforderungen niedrig zu halten, vereinbarten Mitarbeiter seiner Zeitung, der New York Times, mit Nachrichtenagenturen und anderen Medien auf dem “kurzen Dienstweg” Stillschweigen über das Ereignis. Auf diese Weise sollte der Eindruck vermittelt werden, Rhode sei eine eher unwichtige Figur, um die sich niemand wirklich sorgt.

Ein Freund von Rhode bearbeitete darüber hinaus dessen Wikipedia-Eintrag. Dort löschte er unter anderem Rhodes frühere Tätigkeit beim Christian Science Monitor (einer Zeitung, die trotz des Namens tatsächlich keineswegs explizit christlich ausgerichtet ist) und ließ vor allem Rhodes Arbeit während des Bosnienkrieges besonders moslemfreundlich erscheinen. Sehr plastische Schilderungen seiner Gefangennahme durch bosnische Serben sollten den Entführern den Eindruck vermitteln, dass sie selbst ähnlich handeln und damit auf Seiten der “Feinde des Islam” stehen würden. Um diese Änderungen glaubhafter erscheinen zu lassen, nahm die New York Times auch Änderungen in ihrem Online-Archiv vor.

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7 Antworten zu „Information, Gegeninformation – Desinformation“

  1. Max Headroom Sagt:

    Ich kann euch da nur kopfnickend zustimmen. Wikipedia ist keine AI-gelenkte Maschine mit magischen Fähigkeiten, sondern eine von Menschen getippte und von Menschen geführte Datenbank. Auf der einen Seite hat man Otto Normalverbraucher, der zu einem Thema einen ggf. gefärbten Artikel schreibt (und korrigiert bekommt). Und auf der anderen Seite Admins, die den Artikel “mit göttlicher Macht” modifizieren und bei Bedarf gar entfernen können. Wiki ist genauso “glaubwürdig” wie es die Britannica oder das RTL Nachrichtenmagazin ist. Kein Engel und kein Geist schwebt um die Server herum und sorgt für “reine Wahrheiten” ;) .

    Die ganze Horror-Vorstellung, dass nun die freie Meinungsäußerung gefährdet sein könnte oder das Wiki nun aufgrund von Intervention eines Menschen zum Schutze eines weiteren Menschen nun an sachlicher Glaubwürdigkeit gegenüber anderen Artikeln verloren hätte, ist IMO ein wenig zu hoch gegriffen. Selbst dieser Blog hier ist nicht völlig frei von *jeder* Meinung des Planeten Erde. Schlägt jemand zu weit aus und gefährdet gar das Leben eines oder mehrerer Mitglieder, dann kann der Admin immer noch den Stecker ziehen und die Meinung bzw. den Account per Arschtritt auf die Filterliste setzen. Die vorigen als auch die nächsten Artikeln und Diskussionen sind dennoch genauso Glaubwürdig wie alle anderen. Klar, manch einer ist angepisst, aber damit muss er/sie/es eben leben, denn so funktioniert diese (administrative) Praxis schon seit der Erfindung des Buchdruckes ;) .

    Wiki ist nur so gut, wie die Menschen die es nutzen und es führen. Mich würde es eher interessieren, in wie weit die “Lügenaktion” nun tatsächlich für eine Flucht/Freilassung dieses Reporters relevant war. Ich pers. kann damit gut leben, denn wenn ich mal in Gefahr geraten sollte, dann würde mir eine solche Aufrechterhaltung einer Lüge zwecks möglicher erhöhter Überlebenschance doch eher gefallen als ein abblocken des Entführers und der darauffolgenden Forderung nach (noch) mehr Geld. Was letztenendes mein Leben nur unnötigerweise länger dem Risiko des Verlustes aussetzen würde. Mir pers. würde dies ganz und gar nicht gefallen, schließlich hat Allah/JHWH/Shiwa/… hier weit weniger geholfen als das “Lügenmaul” Wiki, welche zumindest einen winzigen Hauch auf eine Lösung bietet.

    Überhaupt… diese Praxis ist längst bekannt, denn bei Entführungen oder bei der Verfolgung von Kriminellen wird die Polizei ebenfalls nicht alle ihre Daten offenlegen und alles kommentieren, was nicht auf drei auf den Bäumen klettert. Durch die gezielte (Des-)Information wird dem Täter keinen Vorteil gegeben und er wird gar im bestem Falle verunsichert und geht ggf. ins geplante Netz der Verfolgung. Ob sich ein Reporter da wutschäumend danebenstellt und heult, weil es ihnen verboten wurde über den Aufenthaltsort des Täters zu sprechen, wage ich doch zu bezweifeln. Vielmehr wird im Nachhinein darüber Seitenweise berichtet und diskuttiert, und das ist IMO aufgrund der geleisteten Arbeit beider Seiten doch nur positiv. Das Leben wurde gerettet und die Informationen kommen (hoffentlich neutral) zum Volk.

  2. Lilith Sagt:

    Aber klar kann es so weitergehen, hat doch bisher auch funktioniert *gg* Wikipedia-Kritik lautete meist wie folgt:

    Ah you see I wouldn’t always trust Wikipedia as it is edited by people.
    I hear Brittanica is edited by manatees.

    Und dieser Konter ist gar nicht so abwegig ;) Denn tatsächlich glauben die Leute, dass Zeitungen, Nachrichten, Fernsehen kein Menschenwerk wären. Allerdings halten sie es auch nicht für die Arbeit von Seekühen, sondern vielmehr für eine Art Offenbarung. Sie sehen keine Gatekeeper hinter den Zeilen, keine Interessengruppen hinter den Bildpunkten, keine Menschen mit Ansichten, Einstellungen, Überzeugungen, sondern nur die Marke (“Times”, “BBC”, “FAZ”…). Und *deshalb* dachten sie, dass Wikipedia unglaubwürdig sei: Weil lange Zeit die Marke “Wikipedia” nicht stark genug war, um davon abzulenken, wie menschlich der Ursprung der Inhalte ist.

    Erklärte man also früher “Wikipedia ist nicht schlechter, bloß weil Menschen dahinterstehen”, so muss man jetzt eher mahnen “Wikipedia ist nicht besser, weil nämlich Menschen dahinterstehen”…

  3. Udo Sagt:

    An Lilith und Kuro Sawei,

    das ist ja wirklich erschreckend. Ich hätte nicht gedacht, dass derartige Vorgehensweisen bei Wikipedia möglich wären. Danke deshalb für eure Hinweise, das war mir bisher nicht bekannt.

    Eine entsprechende Klarstellung/Stellungnahme von Seiten der Wikipedia-Administratoren zu den Schilderungen erscheint mir hier doch sehr vonnöten, denn auf eine solche Art und Weise kann es doch dort nicht weitergehen, oder?

  4. Kuro Sawai Sagt:

    begreifen jetzt, dass Wikipedia nur so neutral und faktentreu ist wie es die Admins zulassen

    Was Lilith da ausgeführt hat, kann ich nur bestätigen. Mir ist Wikipedia auch von der Autorenseite her gut vertraut.

    Die deutsche Wikipedia hat deutliche Schwächen:
    a) in der Löschpraxis (kleinere Festivals, Blogs … irrelevant)
    b) in den Politiker-Artikeln (meist kritikfrei bei CDU/SPD/FDP)
    c) in der Wirtschafts- und Sozialpolitik (regierungsnah=neutral)
    d) bei Innenpolitik und Datenschutz (Kritik sei Quatsch)
    e) bei Kirchenvertretern (selbsternannte Wächter gegen unliebsame Fakten, keineswegs nur gegen Schmähkritik)
    f) in Pop- und Sportler-Artikeln tummeln sich die Fans

    Die deutsche Wikipedia ist in der Ausrichtung der Admins wirklich sehr eigen. Nichtsdestotrotz gibt es Fraktionen, viele Konflikte und Spannungen. Und doch funktioniert es immer noch einigermaßen. Viel gute Arbeit trotz schlechter Stimmung.

  5. Lilith Sagt:

    Richtig. Und Wikipedia ist auch eine Bereicherung für die Welt.

    Aber viele glaubten die Propaganda, dass Wikipedia frei von Zensur, Einflussnahme, Steuerung von oben etc sei, und die trifft diese Meldung wie ein Schock. Sie begreifen jetzt, dass Wikipedia nur so neutral und faktentreu ist wie es die Admins zulassen. Und wenn die wollen, können sie selbst zutreffende Faktenaussagen und Quellen diskreditieren und Verfälschungen aufrechterhalten, ohne dass das groß auffallen oder korrigiert werden würde. Dieses Entsetzen wird in den Foren derzeit niedergebügelt mit dem Totschlagargument “Menschenleben sind wichtiger als Glaubwürdigkeit” – diese Leute begreifen aber nicht, dass es gar nicht um den konkreten Einzelfall, sondern um die viel tiefer reichenden Implikationen, die damit offenbart wurden.

  6. Aeternitas Sagt:

    Leider gibt es für die Allgemeinheit kaum Alternativen, es gibt nunmal nichts was soviel Themenbereiche abdeckt wie Wikipedia, deswegen wird es auch in Zukunft immer die erste Anlauf stelle sein wenn man schnell Informationen Benötigt.

  7. Lilith Sagt:

    Schon erschreckend, wie leicht es möglich ist, Meinungsmache in Wikipedia zu betreiben. Kritische Nutzer wissen das schon lange, aber nie gab es einen Fall, wo Wikipedia und Realität komplett entgegengesetzt waren und dies anschließend auch zugegeben wurde. Das zeigt, dass die vielbeschworene Selbstkontrolle nicht funktioniert. Andernfalls hätte das Flachbügeln korrekter Argumente nie geklappt…

    Um das festzustellen genügt aber auch schon ein Vergleich der deutschsprachigen mit der englischsprachigen Wikipedia. Die sind politisch vollkommen verschieden, eben weil nicht die sachlichen Argumente maßgeblich sind, sondern die Einstellungen der Administratoren. Die entscheiden ja schließlich bei Unklarheiten und Streitfällen.


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