
Bemerkungen aus Anlass von Richard Dawkins’ Buch “Der Gotteswahn”
von Karl Eibel
Die Aufgeregtheit der Diskussion um Evolutionstheorie und Atheismus, die bislang vor allem für die USA kennzeichnend war, scheint nun auch den alten Kontinent zu erreichen. Ist die Evolutionstheorie atheistisch? Ja, insofern Gott kein Gegenstand dieser Theorie ist. Sie ist so a-theistisch wie die Automobilindustrie oder die zweite Lautverschiebung. Allerdings kommt es darauf an, welche Vorstellung man von Gott und seinem Verhältnis zur Welt hat. Wenn man etwa im Sinne der Cargo-Kulte mit der Auffassung zu tun hat, Automobile seien übernatürlichen Ursprungs, dann wird die Situation kritisch. Da kann dann der Nachweis, dass Automobile ihr Dasein menschlicher Ingenieurskunst verdanken, je nach Ausgangsposition für eine Widerlegung des Gottesglaubens oder für eine verdammenswerte Blasphemie gehalten werden. So ähnlich verhält es sich derzeit (wieder einmal) bei der Diskussion um Atheismus und Evolutionstheorie.
Einer der Fanfarenstöße, mit denen Verfechter der Evolutionstheorie ihre Überzeugung gern in die Welt posaunen, lautet: “Nothing in biology makes sense except in the light of evolution”. Der Satz stammt von Theodosius Dobzhansky, einem der bedeutendsten Biologen des 20. Jahrhunderts und Mitbegründer der ‘new Synthesis’. Ich weiß nicht, ob allen, die diesen Satz zitieren, bekannt ist, dass Dobzhansky sich in dem Aufsatz, der ihn als Titel trägt, zum Kreationismus bekennt. Zwar nicht zur Köhlerglauben-Version. Aber er meint: “It is wrong to hold creation and evolution as mutually exclusive alternatives. I am a creationist and an evolutionist. Evolution is God’s, or Nature’s method of creation. Creation is not an event that happened in 4004 BC; it is a process that began some 10 billion years ago and is still under way. “
Es geht also. Oder doch nicht? Mit seinem Hinweis auf die Dauer des Schöpfungsprozesses setzt Dobzhansky deutliche Distanz zu den Kurzzeit-Kreationisten, die den biblischen Schöpfungsbericht noch wörtlich nehmen. Die großen Kirchen haben ja seit jeher für alle Notfälle die allegorische Interpretation parat, so dass für sie in diesem Punkt kein Konfliktstoff mehr besteht: Die sieben Tage sind dann eben sinnlich-symbolische Formulierungen für sieben Stadien der Schöpfung. Gibt es dann überhaupt noch einen ernsthaften Dissens zwischen Evolutionstheorie und Religion?
Der Wiener Kardinal Schönborn hat im Sommer 2005 mit einigen Äußerungen Aufsehen erregt, die als Roll-back der bis dahin eher toleranten (oder indolenten) Haltung der römischen Kirche gedeutet wurden. In der New York Times hat er, mit Berufung auf Johannes Paul II. und Benedikt XVI., den Kern seiner Position formuliert: “Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder weg zu erklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.”
Selbst die ‘gemeinsame Abstammung’, konkret: dass der Mensch vom Affen abstammen könnte, gesteht er zu. Das ist ein recht geschickter Schachzug. Hatte doch Sigmund Freud, diese Vorstellung ähnlich geschickt neben der Kopernikanischen Wende und seiner eigenen Psychoanalyse als eine der drei großen Kränkungen der Menschheit in der Moderne bezeichnet, so dass jeder Widerstand sogleich dem Verdacht des Ressentiments ausgesetzt wurde. Der Kardinal aber erweist sich nun als erhaben über einen entsprechenden Verdacht. Vielmehr tritt er, nicht ohne einen spöttischen Nebenton, als Verteidiger der Vernunft gegen schlechte Wissenschaft auf. Der Schöpfungsplan ist für ihn eine Art Postulat der Vernunft. Er kann sich dabei auf den Katechismus der Katholischen Kirche berufen, der mit auffälliger Redundanz betont: “Die Kirche vertritt die Überzeugung, dass die menschliche Vernunft Gott zu erkennen vermag.” (Absatz 39) “Durch seine natürliche Vernunft kann der Mensch Gott aus dessen Werken mit Gewissheit erkennen” (Absatz 50) und, vom Kardinal ausdrücklich zitiert: “Das Dasein eines Schöpfergottes lässt sich dank dem Licht der menschlichen Vernunft aus seinen Werken mit Gewissheit erkennen” (Absatz 268, das Zitat allerdings ohne “aus seinen Werken” – weshalb?).
Karl Eibl, Prof. für Neue Deutsche Literatur Ludwig-Maximilians-Universität München.






































































April 14, 2008 um 3:28 pm
“Der Reduktionist reduziert den lebenden Organismus auf seine nichtlebenden Bestandteile, bevor er fragt, was ihn eigentlich lebendig macht. Das ist etwa so, als wollte man ein großartiges Gedicht verstehen, indem man lediglich die verwendeten Buchstaben des Alphabets und ihre Interaktionen untereinander analysiert. Bei einer solchen Zergliederung hört die betrachtete Idee auf, zu existieren.”
Sehr lesenswerter Artikel: Was ist ein Mensch?
http://www.solidaritaet.com/neuesol/2008/16/mensch.htm
April 5, 2008 um 10:57 am
Ich schließe mich Falks Ausführungen an.
Eibels Kritik an Dawkins’ Hypothese, dass religiöser Glaube ein Nebenprodukt des überlebensnotwendigen frühkindlichen Autoritätsglaubens ist, ist nicht stichhaltig, und das scheint er an dieser Stelle sogar selbst zu merken…
Dass er die eigene Gotteswahn-Rezension als besonders beachtenswert herauszuheben versucht, indem er frühere Besprechungen (in den großen Zeitungen) als tendenziöse Schriften von Theologen identifiziert, kann man Eibel zwar durchgehen lassen, aber ein Qualitätssiegel ist das noch lange nicht.
Hübsch finde ich immerhin den Hinweis, dass es ohne Religionen nicht nur keine sprengwütigen Taliban, sondern auch keine Buddha-Statuen gegeben hätte… ;D
April 4, 2008 um 1:33 pm
Na, Dawkins für eine Argumentation gegen die ET zu nehmen ist literarisches Geschwafel. Von einem Prof. für Neue Deutsche Literatur ist es zuviel verlangt genau zu bezeichnen welche Evolutionstheorie er denn meint und genau mit dieser Unschärfe stürzt er sich auf Dawkins. Es gibt eben nicht die oder eine Evolutionstheorie, das haben mittlerweile sogar die Evolutionsbiologen begreifen müssen. Es gibt einen Komplex von Theorien zur Evolution. Da sollte Eibl eben noch mal nachwaschen.
April 4, 2008 um 11:29 am
“Ich weiß nicht, ob allen, die diesen Satz zitieren, bekannt ist, dass Dobzhansky sich in dem Aufsatz, der ihn als Titel trägt, zum Kreationismus bekennt. Zwar nicht zur Köhlerglauben-Version. Aber er meint: “It is wrong to hold creation and evolution as mutually exclusive alternatives. I am a creationist and an evolutionist. Evolution is God’s, or Nature’s method of creation. Creation is not an event that happened in 4004 BC; it is a process that began some 10 billion years ago and is still under way. “
Ich finde, dass Dobzhansky mit diesem Zitat zeigt, dass er gerade KEIN Kreationist ist sondern ein Pantheist. Und da sehe ich einen deutlichen Unterschied.
April 4, 2008 um 10:40 am
Im Großen und Ganzen ein guter, sachlicher Artikel, der deutlich macht, wo die Hauptschwäche im “Gotteswahn” liegt, nämlich in der wenig präzisen Struktur des Buches.
Allerdings macht auch Eibl, wie viele andere, meines Erachtens einen schwerwiegenden Fehler: Er überliest Dawkins’ God Hypothesis. Wenn man diesen Teil des Buches nämlich gelesen und zur Kenntnis genommen hat, dann merkt man, daß der ewige Vorwurf, Dawkins wisse nicht genau, welche Art Religion er angehen wolle, oder er konzentriere sich nur auf die Extremfälle, gegenstandslos ist. Es ist viel unscharf in dem Buch, aber dieser Punkt ist es nicht.
Damit ist auch Eibls Fazit hinfällig: Den Vorwurf, Dawkins biete keine wissenschaftliche Behandlung des Phänomens Religion, kann man nur machen, wenn man seine Intention mißversteht oder ignoriert. Um eine wissenschaftliche Behandlung des Phänomens Religion ging es ihm ja gar nicht. Einen solchen Ansatz bietet z.B. Boyer, skizzenhaft auch Dennett. Aber der Gotteswahn ist dafür die falsche Lektüre.
April 4, 2008 um 10:08 am
So ein Hardcorechristentum wie gerade dargestellt wird außer den Zeugen Jehovas und ein paar sektiererischen Freikirchlern kaum noch jemand vertreten.
Ohne Sinn und Verstand irgendwelchen Büchern zu folgen, ist von Übel. Nicht den Sinn und Zweck von Normen verstehen zu wollen ist letztendlich nichts anderes, als jenseits von Gut und Böse zu handeln, letztendlich also vorsätzlich böse.
April 4, 2008 um 8:55 am
“Selbst die ‘gemeinsame Abstammung’, konkret: dass der Mensch vom Affen abstammen könnte, gesteht er zu. ”
Wenn eine Affenpopulation sich in eine Menschenpopulation entwickelt hat, dann hat es “Adam” nie gegeben weil er laut dem Bibelbericht direkt geschaffen wurde. Wenn es Adam nie gegeben hat dann hat er auch nie “gesündigt”. Wenn er nicht gesündigt hat so benötigen wir keine Vergebung der Sünden und keinen der uns von Sünde loskauft, welches die Essentielle Botschaft der Bibel ist. Als Christ kann man nicht
an eine von Gott geplante Evolution des Menschen glauben ohne seine Glauben zu verfälschen!