Über die Natur der Dinge – Materialismus und Wissenschaft

Rezension von Martin Neukamm

Bunge, M.; Mahner, M. (2004): Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft

S. Hirzel, Stuttgart. 288 Seiten, 14 Abb. Preis: EUR 24,-

Der philosophische Materialismus, wonach nur konkrete, dinghafte Gegenstände real sind, stand Jahrtausende lang im Schatten des platonischen Idealismus, der auch abstrakten (immateriellen) Objekten, wie Zahlen, mathematischen Termen, Ideen oder sonstigen Denkinhalten eine reale Existenz zugesteht. Zu groß war und ist noch immer die Anziehungskraft mystisch-religiöser Weltbilder und deren Heilsversprechen, in deren Licht der Materialismus oft wie eine sinnleere, radikal reduktionistisch oder gar sozialdarwinistisch angehauchte Ideologie erscheint. Dieses Bild beginnt sich unter dem Einfluß der Naturwissenschaften allmählich zu wandeln, ist es doch überhaupt erst unter Bezugnahme auf eine rationale, von allen übernatürlichen, mystisch-animistischen und immateriellen Sachverhalten befreite Ontologie gelungen, ein kohärentes und erklärungsmächtiges Theoriengebäude zu errichten. Dessen ungeachtet scheuen viele Realwissenschaftler noch immer das Bekenntnis zu einem konsequenten Materialismus, obwohl sie, bewußt oder unbewußt, allesamt als Materialisten forschen. Nicht zuletzt deshalb verbinden die Wissenschaftsphilosophen Bunge und Mahner mit ihrem Buch das Ziel, “die materialistische Fundierung der Realwissenschaften zu untermauern” (S. 233) und zu begründen, weshalb “eine wissenschaftsorientierte und wissenschaftliche Ontologie (…) nur eine materialistische sein kann” (S. 7).

An dieser Stelle sei dem Leser ein kurzer Überblick über den Inhalt vermittelt: Zunächst besprechen die Autoren einige allgemeine Aspekte hinsichtlich des philosophischen Materialismus, Naturalismus und deren Beziehung zur Wissenschaft, dann folgt ein Kapitel, in welchem sie ihren eigenen Entwurf einer emergentistisch-materialistischen Ontologie vorstellen. In welcher Hinsicht ihr Materialismus auch die “Existenz” abstrakter Objekte berücksichtigt, wird im anschließenden dritten Kapitel erörtert, während sich der vierte Abschnitt des Buchs mit den Haupteinwänden auseinandersetzt, mit denen sich der Materialismus im allgemeinen

konfrontiert sieht. Im fünften Kapitel stellen Bunge und Mahner sodann die Grundzüge einer auf dem Naturalismus fußenden Ethik vor und zeigen anhand philosophischer Argumente, weshalb entgegen der populären Meinung das Denken in moralischen Kategorien gerade nicht religiös begründet werden kann. Der sechste Teil widmet sich schließlich der Frage nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion, womit zum abschließenden Kapitel “Materialismus und wissenschaftliches Weltbild” übergeleitet wird.

In Anlehnung an Heraklit steht im Mittelpunkt des von Bunge und Mahner dargestellten, emergentistischen Materialismus die dynamische Auffassung von der Welt und ihrer Subsysteme. So besagt das zentralste Postulat ihrer Ontologie, daß die Welt ausschließlich aus materiellen Gegenständen (“Dingen” oder “Entitäten“) besteht, die sich durch die Fähigkeit z

ur Veränderung auszeichnen. Das heißt, nur Dinge können Energie besitzen, eine Zustandsänderung erfahren, mit anderen Dingen interagieren, sich zu Systemen zusammenschließen und dabei qualitativ neue Eigenschaften erwerben oder diese – bei der Auflösung von Systemen – wieder verlieren. Somit ist die materialistische Weltauffassung der Autoren eng verbunden mit dem Begriff der Emergenz, an dem keine moderne Realwissenschaft vorbeikommt, ist do

ch die Entstehung qualitativer Neuheiten ein zentrales Merkmal unserer evoluierenden Welt, die es zu beschreiben und zu erklären gilt. Dahingegen haben immaterielle, begriffliche Objekte (wie etwa Zahlen, Mengen, Ideen und Werte) keine substantiellen Eigenschaften, keinen Zustand und daher schlußendlich keine reale Existenz. Ein wichtiges Fazit lautet daher, daß sich “Wirklichkeitswissenschaftler (…) nur mit materiellen Gegenständen” beschäftigen (S. 233) und deren “schier unbegrenzte Fähigkeit, neue ‘Formen’ oder Eigenschaften hervorzubringen” analysieren (S. 54).

Wem es angesichts dieser Auffassung auf der Zunge liegt, hervorzuheben, daß auch immaterielle Objekte, wie Raum, Zeit oder Energie existieren, d

em führen Bunge und Mahner vor Augen, weshalb solche Meinungen auf Kategorienfehlern beruhen: Zum einen haben Raum und Zeit keine autonome Existenz, weil sie von den Dingen überhaupt erst konstituiert werden: “Ohne sich verändernde Dinge gäbe es keine Raumzeit” (S. 67). Andererseits wird auch die Energie als Eigenschaft materieller Objekte verstanden, und wie alle Eigenschaften von Dingen existiert sie nicht unabhängig von diesen, sondern läßt sich nur begrifflich von ihnen trennen (abstrahieren). In gleicher Weise sind platonische Ideen bzw. “objektives Wissen ohne erkennendes Subjekt (…) lediglich die Gespinste einiger Metaphysikerhirn

e” (S. 123). Kurzum: Abstrakta sind von fiktiver, nicht jedoch von realer Existenz; das heißt Voraussetzung für die “Existenz” von Immateriellem ist das Vorhandensein hochevolvierter Gehirne, die es denken können. Folglich werden sie “in dem Moment aufhören zu existieren, in dem wir aufhören, sie zu denken (…) genauso wie Götter untergegangener Religionen aufgehört haben zu existieren” (S. 115).

Doch wird, so könnte man gegenfragen, bei der Kommunikation nicht eine “Information” bzw. ein “Stück Wissen” transferiert, das jenseits von Gehirnen existiert? Wenn dem so wäre, müßte es gleichsam möglich sein, “Wissenspakete” wie Waren zwischen den Gehirnen auszutauschen, so daß “Lehren und Lernen nicht so schwierig und anstrengend sein [dürfte], wie es tatsächlich ist” (S.125). Anhand der Tatsache, daß eine Kommunikation oft nicht verstanden oder mißverstanden wird, machen die Autoren deutlich, daß Wissen nur im Gehirn erzeugt wird, und zwar lediglich dann, wenn “zwei Individuen (…) mittels Artefakten so interagieren, dass (…) in den Gehirnen (…) ähnliche Prozesse konstruiert oder rekonstruiert werden” (S. 124). Wer von der “Existenz” von Wissen spricht, sollte sich also im Klaren darüber sein, daß er sich einer metaphorisch vereinfachten Sprechweise bedient, die nicht im ontologischen

Sinn verstanden werden darf. Andernfalls sind Ausdrücke wie “Informationsfluß”, “Wissenstransfer”, “Materie-Energie” und dergleichen platonisch eingefärbte, ontologische Mißformulierungen, die im Buch eloquent auf materialistischer Grundlage kritisiert werden.

Insgesamt läßt sich festhalten, daß es den Autoren vortrefflich gelungen ist, zu begründen, warum sich Wissenschaftler ganz als Materialisten verhalten und weshalb eine idealistische Ontologie nicht als Bestandteil wissenschaftsorientierter Weltbilder infragekommen kann. Obwohl es für den

Leser nicht immer einfach ist, sich die exakte ontologische Begrifflichkeit der Autoren anzueignen, besticht das Buch durch die systematische und kohärente Darlegung aller für das Verständnis der Ontologie benötigten Grundbegriffe (wie z.B. Ding, Eigenschaft, Gesetz, Zustand, Ereignis, Prozeß, Realität, System, Emergenz, Sachverhalt, Phänomen usw.) und deren logische Beziehungen sowie die Postulate und Folgerungen ihres emergentistischen Materialismus, der meines Wissens in dieser Tiefe und Klarheit bislang noch nicht behandelt wurde. Vor allem die analytische Tiefe, mit der die Inkohärenz konkurrierender Philosophien herausgestellt wird, macht die Lektüre zu einem intellektuellen Vergnügen und stellt die Vertreter immaterialistischer Weltbilder vor ernste Rechtfertigungsprobleme,

da sie nicht annähernd mit einer solch detaillierten, geschweige denn mit einer klaren oder gar mit einer konsistenten Ontologie aufwarten können.

Selbstredend haben die Autoren auch keinerlei Bedarf an Poppers “Dreiweltenlehre” oder am “psychophysischen Dualismus“, demzufolge Gehirn und Bewußtsein zwei voneinander getrennte Dinge sind und damit verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit angehören sollen. Wie alle Eigenschaften von Dingen, so sind auch Geist und Bewußtsein ontisch nicht vom materiellen Substrat (sprich: dem Gehirn) zu trennen. Bunge und Mahner ist daher zuzustimmen, wenn sie das “Leib-Seele-Problem” nur als eine kuriose Anomalie betrachten und den Substanzdualismus als vage, prinzipiell nichtwiderlegbare und heuristisch wie explanativ wertlose These einstufen. Der Dualismus liefert eben “keine Theorie des Geistes, ja nicht einmal eine Definition” (S. 145); dennoch spricht er “von geistigen Zuständen oder Prozes

sen (…) ohne anzugeben, welches der Gegenstand ist, der sich in solchen Zuständen befindet“, und auch auf die Frage, “wie der Geist mit dem Gehirn interagieren soll” und “warum mein Geist nur mit meinem Gehirn interagiert” (ebd.) hat er keine Anwort, so daß er an Sinnlosigkeit grenzt und rein gar nichts “zur Erklärung des Mentalen” beiträgt.

Wiewohl das Buch die ontologischen Aspekte unseres

modernen wissenschaftlichen Weltbildes eingehend erörtert, geht es über den metaphysischen Rahmen der Realwissenschaften hinaus und behandelt z.B. auch ethische Gesichtspunkte, die in keinem Buch über den Materialismus fehlen sollten. Schließlich gilt es ja, dem alten – immer noch fest im öffentlichen Meinungsbild verankerten – Vorurteil entgegenzuwirken, daß Ethik notwendigerweise an Religion gebunden und so der Materialismus nicht in der Lage sei, moralischen Aspekten gerecht zu werden. Die im Buch vorgestellten Grundzüge einer materialistisch orientierten Moralphilosophie widerlegen jedoch nicht nur diese Auffassung, indem sie erklären, wie sich Ethik aus der Perspektive des Materialismus denken läßt. (Ihr zufolge existieren Werte und Normen eben nicht “ontisch objektiv“, sondern entspr

ingen den Bedürfnissen der zu sozialen Gemeinschaften zusammengeschlossenen Individuen.) Vielmehr zeigen die Autoren im Rahmen ihrer philosophischen Analysen ebenfalls mit bemerkenswerter Gründlichkeit, warum alle Versuche einer theologischen Rechtfertigung von Ethik in einer Sackgasse enden, so daß schlußendlich gar keine Möglichkeit besteht, übernatürliche Instanzen für die “Existenz” moralischer Kategorien verantwortlich zu machen.

Doch wie steht es mit der Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft; läßt sich die Annahme einer mit unserer Welt interagierenden Übernatur mit einer wissenschaftlich orientierten Philosophie vereinbaren? Das Buch läßt keinen Zweifel daran bestehen, daß jede Kompatibilitätszubilligung in dieser

Richtung einen zweifelhaften Kompromiß darstellt, weil die Möglichkeit einer völlig konfliktfreien Synthese nicht besteht – es sei denn, Religion beschränkt sich auf die Vorstellung, daß die postulierte Übernatur das Weltgeschehen nicht kausal beeinflußt. Eine solch “ontologisch radikale” (deistische oder pantheistische) Lösung wird jedoch nur wenig gläubige Menschen zufriedenstellen, besteht doch der Kern theistischer Religion gerade darin, ihrem Anhänger wenigstens das Zustandekommen zeitweiser Kontakte zwischen der Welt und jener “Überwelt”, an die er glaubt, zu versprechen. Sobald derartiges angenommen wird, beschäftigt sich Religion aber zum Teil mit denselben Gegenstandsbereichen wie die Wissenschaften, d.h. sie trifft Aussagen über weltimmanente Sachverhalte, so daß “Konflikte mit den Wissenschaften und vor allem ihren metaphysischen Postulaten auftreten

” (S. 203).

Selbst wenn man die Anhänger religiös fundamentalistischer Strömungen ausklammert, die einen mehr oder minder großen Teil wissenschaftlicher (insbesondere evolutionäre) Faktenaussagen ignorieren, sind auch liberalere Religionen auf eine (minimale) Teleologie und platonische Vorstellungen (z.B. über die “Auferstehung” bzw. ein “Weiterleben nach dem Tod”) angewiesen. Somit vertragen sich theistische Religionen über weite Bereiche nicht nur nicht mit dem aktuellen Wissensbestand, sondern auch und vor allem nicht mit den ontologischen, methodologischen und endoaxiologischen Prinzipien der Naturwissenschaften, wonach es das Weltgeschehen eben naturalistisch – ohne Rekurs auf wundersame, immaterielle Sachverhalte – zu erklären gilt. Diese von den Autoren vertretene Auffassung setz

t natürlich eine ausführliche Charakterisierung von Religion einerseits und Grundlagenwissenschaften andererseits sowie den systematischen Vergleich ihrer philosophischen Setzungen voraus, die im Buch in beispielhafter Klarheit abgehandelt werden.

Alles in allem läßt sich resümmieren, daß auf dem nationalen wie internationalen Buchmarkt kaum eine derart kohärente, fachkompetente und systematisch gründliche Darlegung des ontologischen Materialismus sowie der Idealismus- und Religionskritik existieren dürfte, die mit

fast 300 Literaturstellen auch ein argumentativ mächtiges und mutiges Plädoyer für den Materialismus darstellt. Somit ist es zugleich ein unbequemes, provokatives, stellenweise auch schwieriges und doch überaus lesenswertes Buch. Wer sich ernsthaft mit den ontologischen Grundlagen der Naturwissenschaften sowie mit den Argumenten für und wider alternative Philosophien auseinandersetzen möchte, für den ist dieses Werk ein absolutes Muß.

 

17 Antworten zu „Über die Natur der Dinge – Materialismus und Wissenschaft“

  1. eckymohn Sagt:

    Wie für jede ärztliche Maßnahme eine Ziffer existiert, so lässt sich für jedes noch so “immaterielle” Phänomen ein materielles Substrat finden (oder erfinden). Erfrischend ist der Monismus allemal, ob nun materialistisch, physikalistisch, naturalistisch oder spiritualistisch, und er führt auch weiter. Dualismus ist dagegen immer ein Kompromiss. Doch haben die materialistischen Helden meistens nicht im Sinn, dass es nicht um Eigenschaften und Dinge geht, wenn sie das Welträtsel ergründen, sondern um ein Programm. Zum Programm gehört immer auch ein Apparat, der es sendet oder empfängt. Dennoch ist es unabhängig von ihm. Max Planck hat das schon in den Dreißigern des 20. Jhs entdeckt und deshalb die Programmseite der Welt nicht für die Sache der Physiker erklärt. Dennoch war er dadurch kein Dualist. Er hat nur gesehen, dass zum Wahrnehmen und Forschen in der Natur Werkzeuge nötig sind, wie z.B. Sinne und Instrumente, dass aber diese Werkzeuge kein Bewusstsein von sich entfalten und sich folglich auch nicht selbst organisieren (der Fernseher weiß nichts von dem was er spielt), wie das sich modern dünkende Intellektuelle gern hätten.

  2. dellian Sagt:

    Vielleicht sollte man dieser Diskussion eine neue Wendung geben; vielleicht so: Stimmt die Grundvoraussetzung des Materialismus, wie Bunge/Mahner ihn vertreten – nämlich die “dynamische Auffassung von Materie” (S. 53/54)? Ist die Materie wirklich “aus sich selbst” fähig zu Selbstbewegung, Selbstorganisation etc.? Trifft zu, was dort S. 54 zu lesen steht: dass nämlich diese Auffassung “von den Physikern und Chemikern seit Galilei, Descartes, Boyle und Newton geteilt” wird”? Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass das für Galilei und Newton nicht zutrifft. Beide halten ganz im Gegenteil die Materie für schlechthin passiv und zu keiner “Dynamik” (Bewegung, Bewegungsänderung etc.) aus sich selbst fähig. Das besagt bereits das Erste Bewegungsgesetz Newtons. Nach dem, was Bunge/Mahner schreiben, muss festgestellt werden, dass die galilei-newtonische Bewegungslehre, in der immaterielle “Kräfte” von außen auf die Materie einwirken,
    “eine typisch nichtmaterialistische Doktrin” ist. Das wirft die Frage auf, wie aus dieser Lehre die unzweifelhaft materialistische “klassische Mechanik” werden konnte, in der ja die Materie jedenfalls eins angeblich kann: nämlich andere Materie “anziehen” (die Erde den Mond usw.). Ich habe diesen historischen Prozess in meinem kürzlich erschienenen Buch “Die Rehabilitierung des Galileo Galilei
    oder Kritik, der Kantischen Vernunft” im einzelnen rekonstruiert (Academia Verlag St. Augustin, Juli 2007). Das Ergebnis dürfte für manche Überraschung gut sein.

  3. Myron Sagt:

    Joe schrieb:
    “Na ja, die Frage ist doch, was wir mit ‘Einhorn’ meinen. Meinen wir das Einhorn selbst, oder meinen wir die Summe der Eigenschaften, die wir dem Einhorn zuschreiben?”

    Das Begriffswort “Einhorn” bezieht sich auf den Begriff /Einhorn/. Dieser ist aus bestimmten Merkmalen, d.i. aus Teilbegriffen zusammengesetzt, die seinen Inhalt bilden.

    Was das Ding und seine Eigenschaften anbelangt, so denke ich, dass die Begriffe /eigenschaftsloses Ding/ und /unverkörperte Eigenschaft/ Abstraktionen sind, die jeweils einen Aspekt der fundamentalen Kategorie /Ding mit Eigenschaften/ beleuchten.
    Ich setze die Dinge jedoch nicht mit Eigenschaftsbündeln gleich, weil dies bedeuten würde, dass es unmöglich zwei verschiedene Dinge mit ein und denselben Eigenschaften gibt, was ich hingegen durchaus für möglich halte.

  4. Myron Sagt:

    Es scheint, dass viele Philosophen inzwischen die Bezeichnung “Physikalismus” (“physicalism”) gegenüber “Materialismus” bevorzugen, unter anderem aus dem Grund, weil es einige physikalische Objekte gibt (z.B. Felder, Raumzeit, Vakuum), die man schlecht als materielle, d.i. körperliche Dinge bezeichnen kann.

  5. kamenin Sagt:

    Die Diskussion geht hier doch ziemlich entlang dem Problem der Kennzeichnungen in Logik und Philosophie.

    Den Begriff Materialismus des Artikels verwende ich eher ungern. Einmal hat er im Deutschen diese Konnotation von “Reich ist geil” und entspricht darin zu gut den Anti-Atheisten-Klischees. Zum anderen ist die physikalische Welt halt wesentlich komplexer, als dass ich noch von Materie oder ‘Ding’ sprechen will. Immerhin verhalten sich diese Dinger in der Quantenmechanik oft genug als Wahrscheinlichkeitswellen, die Dinglichkeit tritt also erst in der Wechselwirkung wieder auf. Naturalismus finde ich daher als Begriff weniger missverständlich. In dem wäre auch Platz für mögliches Bewusstsein, nicht dual sondern eher als immanenter Bestandteil von Materie oder ihren Wechselwirkungen. Ist natürlich nur Spekulation.

  6. derautor Sagt:

    Man könnte vielleicht sagen, dass das “Ding an sich” die zusätzliche Eigenschaft des Existierens besitzt.

  7. ostfriese Sagt:

    Ich denke — ohne das Buch bisher gelesen zu haben — Bunge und Mahner könnten etwas anderes meinen.

    Die Zuordnung zwischen einem Ding und der Gesamtheit seiner Eigenschaften ist eine Isomorphie, da Dinge mit vollständig ununterscheidbaren Eigenschaften identisch sind. Es besteht daher kein prinzipieller Unterschied zwischen Dingen und Eigenschaften. Alle existenten (nicht alle denkbaren!) Eigenschaften sind dinglich, entstammen jedenfalls ontologisch derselben Kategorie wie die Dinge. Beispiel: Ein radioaktiver Kern hat die Eigenschaft, instabil zu sein und bei seinem Zerfall ein Strahlungsquant auszusenden. Sowohl die Instabilität als auch die Strahlungsart manifestieren sich in der materiellen Struktur des Kerns.

    Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die Zuordnung zwischen Welt und Beschreibung. Letztere ist eine konstruktive bzw. rekonstruktive Leistung von Gehirnen, durch sie enstehen weder Dinge noch Eigenschaften (abgesehen von den beim Denken stattfindenden Veränderungen des Gehirns).

    Die Annahme der Dinglichkeit allen Seins ist kein Dogma, sondern eine metaphysische Annahme. Aus ihr lassen sich Folgerungen ableiten, die kritisierbar sind. Für mich bestechen sie durch höchste Plausibilität, und sie bilden die bestmögliche Grundlage für naturwissenschaftliche Erkenntnissuche. Ich sehe zum hypothetischen Realismus/Materialismus keine Alternative. Und ganz ohne Metaphysik geht es nun mal nicht, wenn man Weltbilder diskutiert.

  8. Joe Sagt:

    Na ja, die Frage ist doch, was wir mit “Einhorn” meinen. Meinen wir das Einhorn selbst, oder meinen wir die Summe der Eigenschaften, die wir dem Einhorn zuschreiben?
    Woher weiß ich, dass ich es mit einem Hund, einer Katze, einem Einhorn oder einem Wasserstoffatom zu tun habe? Das kann ich nur aus dessen Eigenschaften erschließen. Daher macht es, so denke ich, keinen Sinn, zwischen Dingen und ihren Eigenschaften zu unterscheiden, da ein feststellbarer Unterschied gar nicht möglich ist.

    Was sollte dieses “Ding an sich”, das den Eigenschaften zu Grunde liegt, denn sein? Wie kann dessen Existenz in Erfahrung gebracht werden? Es müsste ja selbst eigenschaftslos sein. Was würde dann dessen Existenz auszeichnen?
    Wie könnte ein eigenschaftsloses Ding eine Eigenschaft annehmen? Es müsste zumindest die Eigenschaft haben, eine Eigenschaft annehmen zu können.

    Anders gefragt, ist das Ding, das den Eigenschaften eines Elektrons zu Grunde liegt, etwas anderes, als das Ding, das den Eigenschaften eines Quarks zu Grunde liegt? Wenn es selbst eigenschaftslos ist, wäre kein Unterschied möglich, wenn es Eigenschaften hat, ist eine Unterscheidung nur durch die Eigenschaften möglich. Folglich ist das Ding selbst zur Beschreibung der Realität überflüssig.

  9. Myron Sagt:

    Streng genommen kann man den Satz “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, ist eine Eigenschaft” für falsch halten; denn wenn alles, was Eigenschaften hat, existiert, dann kann man daraus “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, existiert” ableiten, weil man das Eigenschaftsein ja auch als eine Eigenschaft ansehen kann.
    Die Eigenschaft des Einhornseins existiert jedoch nicht, da es keine Einhörner gibt.
    Also ist eigentlich nur der Satz “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, ist eine Scheineigenschaft” wahr.

  10. derautor Sagt:

    Es gibt eine Sichtweise der Philosophie, laut der es ihre Aufgabe ist, sprachliche Unklarheiten zu klären, da unser mangelndes Verständnis der Welt in diesen ihren Ursprung hat. Insofern ist es durchaus relevant, ob eine Aussage grammatikalisch (wovon die Semantik einen Unterbereich darstellt) überhaupt richtig ist oder nicht.

    “Der Satz “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, ist eine Eigenschaft” erscheint ungeachtet des Umstandes, dass nichts die Eigenschaft hat, ein Einhorn zu sein, nicht “semantisch falsch”.”

    Dieser Satz besagt, dass die Eigenschaft des Einhorn-seins existiert, jedoch sagt er nichts darüber aus, ob diese Eigenschaft die Eigenschaft eines konkreten, existenten Dinges sein muss oder nicht. Also besagt er auch nicht, dass es die Eigenschaft unabhängig des Dinges geben muss, sondern trifft keine Aussage dazu. An sich ist die Aussage dieses Satzes trivial und irrelevant: Die Eigenschaft A (Einhorn-sein) ist ein Element der Gesamtheit aller Eigenschaften.

  11. Myron Sagt:

    Zweiter Versuch wegen unvollständiger Darstellung beim ersten:

    — Daraus, dass alle Dinge Eigenschaften verkörpern (exemplifizieren), folgt noch nicht, dass es keine unverkörperten Eigenschaften gibt.
    — Der Satz “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, ist eine Eigenschaft” erscheint ungeachtet des Umstandes, dass nichts die Eigenschaft hat, ein Einhorn zu sein, nicht “semantisch falsch”.
    — Aber auch ich bin der Meinung, dass es eine wesentliche Eigenschaft von Eigenschaften ist, gehabt, besessen, verkörpert zu werden. Die Existenz des Begriffs “Hund” (der die Eigenschaft des Hundseins repräsentiert) hängt zwar nicht von der Existenz von Hunden ab, die Existenz der Eigenschaft, ein Hund zu sein, aber von der Existenz von Dingen, die diese Eigenschaft verkörpern.
    Da es Hunde gibt, ist die Eigenschaft des Hundseins eine existente Eigenschaft, wohingegen z.B. die Eigenschaft des Einhornseins eine nichtexistente Eigenschaft ist. Das Einzige, das in diesem Fall existiert, ist der Begriff “Einhorn”.

  12. Myron Sagt:

    — Daraus, dass alle Dinge Eigenschaften verkörpern (exemplifizieren), folgt noch nicht, dass es keine unverkörperten Eigenschaften gibt.
    — Der Satz “Die Eigenschaft, ein Einhorn zu sein, ist eine Eigenschaft” erscheint ungeachtet des Umstandes, dass nichts die Eigenschaft hat, ein Einhorn zu sein, nicht “semantisch falsch”.
    — Aber auch ich bin der Meinung, dass es eine wesentliche Eigenschaft von Eigenschaften ist, gehabt, besessen, verkörpert zu werden. Die Existenz des Begriffs (der die Eigenschaft des Hundseins repräsentiert) hängt zwar nicht von der Existenz von Hunden ab, die Existenz der Eigenschaft, ein Hund zu sein, aber von der Existenz von Dingen, die diese Eigenschaft verkörpern.
    Da es Hunde gibt, ist die Eigenschaft des Hundseins eine existente Eigenschaft, wohingegen z.B. die Eigenschaft des Einhornseins eine nichtexistente Eigenschaft ist. Das Einzige, das in diesem Fall existiert, ist der Begriff .

  13. derautor Sagt:

    Dinge haben Eigenschaften. Keine Dinge haben keine Eigenschaften. “A ist eine Eigenschaft” ist sogar semantisch falsch, weil “Eigenschaft” als nominaler Kern eine Leerstelle für ein Adjunkt eröffnet, das da lautet? Oder mit anderen Worten: A ist eine Eigenschaft von was!?

    Man sollte bei aller Philosophie nicht seinen gesunden Menschenverstand aufgeben, aber vielleicht habe ich ja etwas verpasst. Ich warte gespannt darauf, dass mir das jemand nachvollziehbar erklärt, wie es Eigenschaften unabhängig von Eigenschaftsträgern geben kann.

  14. Myron Sagt:

    Für einen platonistischen Universalienrealisten hängt die Existenz einer Eigenschaft E nicht von der Existenz eines Dinges ab, das E besitzt.

  15. Joe Sagt:

    “Eigenschaften erfordern etwas, das diese Eigenschaften hat.”

    Woher weißt du das?

  16. derautor Sagt:

    Eigenschaften erfordern etwas, das diese Eigenschaften hat. Das hängt überhaupt nicht mit einem “Dogmatismus” zusammen.

  17. Joe Sagt:

    Bunge und Mahner vertreten in ihrem Buch einen Materialismus, der davon ausgeht, dass jeder Eigenschaft, die ein Objekt hat, ein “Ding an sich” zu Grunde liegen muss, da nur Dinge Eigenschaften haben könnten.

    Hier habe ich persönlich ein Problem, da ein Materialismus in dogmatischer Form vertreten wird. Denn es wird die Existenz eines “Dings” unterstellt, von dem man absolut nichts wissen kann. Das einzige, was gewusst werden kann, ist die Eigenschaft selbst (woher weiß ich, dass ich es mit einem Ding zu tun habe? Was ist ein Ding?). Ob diesen Eigenschaften ein “Ding” zu Grunde liegt, ist nicht nur völlig egal, es kann gar nicht gewusst werden. Es ist daher zur Beschreibung der Realität völlig unnötig und sollte Ochams Rasiermesser zum Opfer fallen.

    Um die Frage zu beantworten, was Materie ist, reichen die Eigenschaften selbst völlig aus. Ich denke, auch der Materialismus lässt sich auf diese Weise gut begründen, ohne dogmatisch werden zu müssen. Denn warum sollte eine Eigenschaft nicht für sich selbst stehen, sondern ein “Ding” benötigen?


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